Im Porträt

Thomas Heinke

Lieber Herr Heinke, unsere Kirchengemeinde in Kreuzberg-Mitte hat eine eigene Fußball-Mannschaft, und Sie sind ihr Trainer. Wie kommt es dazu?

Unser erstes Spiel gab es schon 1990. Ich war langjähriger Torhüter und bin der jetzige Trainer der „St. Jacobi Luisenstadt Fußball-Mannschaft“. Auf unseren Trikots steht „St. Jacobi“. Das alles ist entstanden aus der damaligen Jugendarbeit um Andreas Ehling, der heutige Gemeindeassistent der Kirchengemeinde. Er hat die Fußballmannschaft Anfang der 90er Jahre aufgebaut und unterstützt unsere Arbeit bis heute. Damals, als Andi Ehling – wir nannten ihn alle nur „Ehling“ - noch für die Jugendarbeit zuständig war, trafen wir uns immer sonntags im Waldeckpark in der Oranienstraße gegenüber der St. Jacobi-Kirche und spielten auf dem Rasen Fußball. Wir haben jeden Sonntag gebolzt. Irgendwann waren wir so viele Leute, dass die Kids und Jugendlichen zu Ehling kamen und fragten: Können wir nicht eine Fußballmannschaft gründen? Und seitdem gibt es die St. Jacobi-Fußball-Mannschaft.

Wie ging es dann weiter?

Zum Saisonstart 1991 meldeten wir uns zum ersten Mal für die Berliner Kirchenliga an (www.kirchenliga-fussball.de). Dort gab es eine erste Leistungsklasse und die Oberliga. Und mit dem ersten Spiel kam das „Wunder von Berlin“: Gleich in der ersten Saison 1991/92 wurden wir Pokalsieger und schlugen im Finale den mehrmaligen amtierenden Berliner und Deutschen Meister. Das war das Evangelische Johannesstift. Danach sind wir Kreuzberger konstant aufgestiegen und haben uns mehr oder weniger in der Oberliga etabliert. Das hat die großen Jungs natürlich geärgert.

Gibt es Anekdoten?

Die wollen Sie nicht hören... (lacht). Die schönste Anekdote ist, dass uns der liebe Gott im Finale gegen das Johannesstift Spandau geholfen hat. Das war das schönste Erlebnis. Aber dazu zunächst eine Vorgeschichte: Ich war damals 17 Jahre alt und Torhüter. Am Freitagabend vor unserem großen Spiel kam ich völlig nervös zu Ehling und fragte ihn: wie sollen wir das morgen schaffen, die knallen uns rein! Und Ehling antwortete: Bleib mal locker, die Spandauer kochen auch nur mit Wasser. Lass uns doch erst mal spielen und abwarten, und wenn jeder an sein Limit geht, können wir alles schaffen! Zum Johannesstift muss man außerdem folgendes sagen: Die Spandauer Mannschaft war eigentlich unantastbar. Die konnten wir nicht schlagen. Das ist, als würde eine Zweitligamannschaft gegen Bayern München gewinnen. Am nächsten Tag kam es zu der befürchteten Begegnung: Am Anfang, bis zur 12. Spielminute, stand es noch 0:0. Beim Johannesstift spielte einer, der hieß Mario Brand, wirklich ein sehr guter Spieler, spielte damals schon in der Oberliga. Der war eine Granate. Er zog aus 20 Metern ab. Ich stand für St. Jacobi im Tor, und ich dachte der Ball landet genau im Winkel, aber nein, ich hab mich mit meinem ganzen Gewicht und mit meinen 1,72 in die Ecke geworfen und holte das Ding aus dem Winkel, und damit stand es weiterhin 0:0. Im weiteren Spielverlauf gab es dann die Schlüsselszene, die zum Wunder von Berlin führte: Da war unser Spieler Peter Lorenz. Der läuft aufs gegnerische Tor zu, wird von einem Spandauer Spieler eingeholt und bedrängt. Der gegnerische Torwart kommt raus und verkürzt somit den Winkel zum Tor. Peter Lorenz schafft es zwar noch, den Ball aufs Tor zu schießen, aber nicht mehr mit voller Kraft, und der Ball rollt langsam in Richtung Torlinie, und dann - bin ich mir sicher, - gab es eine Windhose, und der Ball wurde von der Windhose über die Torlinie getragen, und der liebe Gott hat den Endstand von 4:1 erzielt! Für seine 14 schwarzen Schafe aus Kreuzberg!

Wie hat die Berliner Kirchenliga den Schnellstart von St. Jacobi verkraftet?

Es war damals nicht so einfach als Mannschaft aus Kreuzberg ohne jede Tradition. Wir brachen da mehr oder weniger in so eine festgefahrene Struktur mit dem Johannesstift als Bastion ein. Ich bin sonst kein Freund von Verschwörungstheorien, aber in den ersten Jahren war es so, dass der Berliner Meister und der Berliner Pokalsieger der Berliner Kirchenliga immer zur deutschen Meisterschaft gefahren sind, das nannte sich damals deutsche Eichenkreuzmeisterschaft. Das war die deutsche Meisterschaft aller Kirchenligen in der ganzen Bundesrepublik. Weil bei uns in Berlin die Leistungsdichte so hoch war, haben sie von uns immer zwei - den Berliner Meister und den Pokalsieger - geschickt. Aber ausgerechnet nach unserem Pokalsieg 1991 von St. Jacobi wurde die Regel geändert: Plötzlich wurde der Berliner Meister und der Vizemeister geschickt. Und nicht mehr der Pokalsieger. Und so blieb uns die Reise zur deutschen Eichenkreuzmeisterschaft verwehrt. Aber im Grunde genommen haben wir es geschafft, über Jahre hinweg die dritte Kraft zu werden hinter Don Bosco Berlin und Lichtenrade Nord. Die haben sich auf jeden Fall nicht gefreut, wenn sie gegen uns spielen mussten. Der Ehrlichkeit halber muss man sagen, wir waren auch nicht gerade für unser gutes Benehmen bekannt. Das kann man heute von uns nicht mehr sagen. Wir haben auch viele Fahrten zu Spielen gemacht, von Coesfeld über Stuttgart bis nach Dortmund. Das waren Kleinfeldturniere, aber wir hatten einen riesen Spaß dabei. Es ist witzig gewesen.

Was genau ist eigentlich die Berliner Kirchenliga?

Die Berliner Kirchenliga hat ein hohes Niveau. Es gibt bekannte Schiedsrichter, die ihre Wurzeln in der Berliner Kirchenliga haben. Zum Beispiel Robert Hoyzer, der durch den Bestechungsskandal in der Bundesliga aufgeflogen ist. Oder Manuel Gräfe, der in der Bundesliga Schiedsrichter ist, der hat auch früher bei Don Bosco in der Kirchenliga gespielt.

Übrigens: Um in der Berliner Kirchenliga mitspielen zu können, muss man nicht zwingend kirchlich sein, aber die meisten Mannschaften sind an eine Kirchengemeinde angeschlossen, zum Beispiel die Mannschaften St. Nikolai Spandau, Lukas Schöneberg, oder die Sportsfreunde Ökumene. In der Kirchenliga spielt aber auch der Ditib Sportclub Berlin, FC Bosporus Berlin oder Teba Moschee Spandau. Im Sport spielt Herkunft und Religion keine Rolle, jedenfalls keine trennende.

Wer waren denn die anderen Spieler in der damaligen Mannschaft?

Ich war etwa 16 oder 17 Jahre alt. Wir wohnten alle in Kreuzberg, im Kiez um die Otto Suhr Siedlung, in der Ritterstraße, Lobeckstraße. Damals war die berühmte St. Jacobi Jugend-Disco gerade aus dem Keller unter der Küsterei in den Seitenflügel umgezogen. Wir kannten uns auch alle aus der Konfirmandenarbeit mit den Pfarrern Haucke und Storck, und natürlich unseren Andi Ehling. Das war damals super hier, wir haben eigentlich fünf Mal die Woche Trainingstreffen gehabt. Jeden Freitag gingen wir in die Disco, und samstags spielten wir Fußball. Am Anfang waren wir 24 Leute. Wir spielten zehn gegen zehn mit vier Auswechselspielern. Ehling war zu 98 Prozent Trainer, Aufpasser, Ordner, Kartenabreißer - bis seine beiden Knie kaputt waren. Und Pfarrer Hauke hat mich später getraut.

Und warum hat die St. Jacobi Fußballmannschaft Pause gemacht?

Wir spielten 15 Jahre lang, bis 2006. Von 2007 bis 2017 gab es eine Pause von zehn Jahren, und seit 2017 stehen wir wieder auf dem Platz. Wir hatten keinen Nachwuchs mehr. Jugendarbeit hatte keine mehr stattgefunden, jedenfalls nicht mehr in dem Maß wie vormals. Wir waren ins Alter gekommen, hatten Familien gegründet, es gab viel Wegzug.

Und wie kam es zu dem Revival?

Das war meine Idee. Ich habe die A-Jugend in Tempelhof trainiert, bis die sich aufgelöst hat. Viele Spieler wussten nicht mehr, was sie machen sollten. Dann hatte ich die Idee, die St. Jacobi Mannschaft wiederzubeleben. 2016 hat das Jubiläumsturnier der Berliner Kirchenliga stattgefunden. Dazu wurden wir eingeladen, obwohl wir in Vergessenheit geraten waren, das war toll. Und da sind wir zweiter geworden. Wir alten Säcke. Im Sommer, wenn es länger hell ist, treffen wir uns sonntags und spielen dort, wo Vereinsspiele zu Ende sind, in Mariendorf zum Beispiel. Im Winter trainieren wir in der Soccerworld Berlin. Das kostet 90 Euro für 90 Minuten, das teilen wir dann untereinander auf.

Und wer spielt heute für St. Jacobi?

Wir sind derzeit etwa 20 aktive Spieler. Manche sind ehemalige Spieler aus den Mannschaften der Kirchengemeinden von Judas-Thaddäus und aus der Herz-Jesu-Gemeinde. Wir haben übrigens ganz verschiedene Kulturen in unserer Mannschaft. Wir haben Muslime und Christen, evangelische und katholische, und wir haben einen kolumbianischen Juden bei uns. Aber auch damals in den 90ern waren wir schon eine multikulturelle Truppe, typisch Kreuzberg eben. Natürlich würden wir uns über neue Mitspieler freuen! Für den Saison-Beginn melden wir zunächst mal alles an, was laufen kann. Natürlich gibt es auch gute Fußballer in unseren Reihen, aber das muss sich alles erst noch finden. Die Spiele sind immer samstagsmorgens, zwischen zehn und zwölf.

Und wie geht es jetzt weiter?

Wir haben uns jetzt Trainingsanzüge bestellt. Auch den ersten Satz Trikots haben wir selber gekauft. Auch das Startgeld und die Versicherung müssen gezahlt werden. Das hat über lange Jahre die Gemeinde getragen. Jetzt sind wir sehr froh und dankbar, dass die Gemeinde uns ab dieser Saison wieder unterstützt. Wir würden uns aber auch freuen, wenn die Gemeinde in Kreuzberg-Mitte uns auch ideell weiter unterstützt. Unsere nächsten Spiele 2018 sind am 3. März gegen JC Sonnetreff Mariendorf, am 10. März gegen den DITIB Sportclub Berlin, am 17. März gegen Buckow United Neukölln und am 24. März gegen Fortuna Reinickendorf 65. Die Spielstätten werden noch bekannt gegeben. Wir brauchen außerdem noch gute Fotos für Facebook. Dort gibt es uns als Fußball-Mannschaft nämlich auch, unter dem Namen: St. Jacobi Luisenstadt.

Wie ist das für Sie, heute Trainier zu sein?

Ich mache das alles ehrenamtlich. Hauptberuflich bin ich selbständig. Ich arbeite als Kurier und fahre Kleintransporte. Die Jungs heute sind anders als damals. Das ist heute eine ruhigere und sensiblere Spieler-Generation. Das Problem ist die Unzuverlässigkeit der Jugendlichen. Wenn die es jeden Samstag zum Training schaffen, dann ist das schon eine Leistung. Ein weiteres Problem ist es, einen Trainings-Ort zu finden: Trainieren ist heutzutage gar nicht so einfach, weil es in Berlin wenig bespielbare Plätze gibt. Uns würde ja ein halber Platz reichen.

Was sind Ihre Ziele für 2018?

Für die erste Saison haben wir uns noch keine anderen Ziele gesetzt, als einfach nur durchhalten. 2017 sind wir mit der Hinrunde eingestiegen und wurden Zehnter, das ist so im Mittelfeld. Aber das ist ja erst der Anfang. Die Rückrunde wird wesentlich besser werden, da bin ich mir sicher!

Ich wünsche Ihnen und unserer Fußball-Mannschaft St. Jacobi viel Erfolg bei den weiteren Spielen und danke für das Gespräch!

Das Interview mit Thomas Heinke und Andreas Ehling führte Pfarrer Christoph Heil.

 

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