Im Porträt

Martina Hübener

Liebe Frau Hübener, fühlen Sie sich als Kreuzbergerin?

Ja, ich fühle mich als Kreuzbergerin und lebe hier sehr gern. Ich wohne seit 1981 in Kreuzberg, zuerst in der Dieffenbachstraße und seit 2000 am Carl-Herz-Ufer. Hier ist mir alles sehr vertraut: die Admiralbrücke, der Böckler-Park, das belebte Ufer am Urbanhafen, der Südstern. Dieses und noch viel mehr ist für mich ein ganz besonderes Lebensgefühl. Von unserer Wohnung habe ich einen sehr schönen Blick auf den Landwehrkanal, auf die Kirchtürme von Melanchthon und St. Simeon und auf den Fernsehturm. Hier soll ja die „Toskana Kreuzbergs“ sein.

 

Haben Sie ein Lieblings-Kirchenlied?

„Er weckt mich alle Morgen“. Im Internet habe ich hierzu den Tagebucheintrag des Dichters Jochen Klepper gefunden vom 12. April (Geburtstag meines Sohnes) 1938, der mir so gut gefallen hat: „Weicher, glänzender Tag. Meine kleinen Osterbesorgungen für Mutter, Frau und Töchter. In unserem alten Garten in der Seestraße blühen die alten Kirschbäume so schön. […] Ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50, 4.5.6.7.8, die Worte, die mir den ganzen Tag nicht aus dem Ohr gegangen waren.“ Als Abendlied finde ich „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ so schön. Da steht eigentlich alles drin, vor allem die fünfte Strophe: „So sei es, Herr: die Reiche fallen, dein Thron allein wird nicht zerstört; dein Reich besteht und wächst, bis allen dein großer, neuer Tag gehört.“ Auch die Irischen Segenslieder zum Beispiel „Möge die Straße uns zusammenführen“ gefallen mir besonders gut.

Was verbindet Sie mit der Kirchengemeinde in Kreuzberg-Mitte?

Sehr viel. Ich bin an einem Sonntag im Mai 1995 zum ersten Mal in der Melanchthon-Kirche in den Gottesdienst gegangen. Die Liturgie und vor allem die Orgel haben mir besonders gut gefallen. Mein Sohn ist 1999 in Melanchthon von Pfarrer Christian Zeiske getauft und von Pfarrer Holger Schmidt 2014 in St. Jacobi konfirmiert worden. Mein Mann und ich haben uns letztes Jahr in St. Jacobi kirchlich trauen lassen und hatten eine schöne Hochzeitsfeier im Jacobi-Garten. In St. Simeon habe ich die Entstehung der Flüchtlingskirche miterlebt, den Eröffnungsgottesdienst und den im Fernsehen übertragenen Eröffnungsgottesdienst. Ich finde es gut, dass es die Flüchtlingskirche hier in Kreuzberg gibt mit ihren Beratungsangeboten für Geflüchtete und den verschiedenen Möglichkeiten, mit denen man sich selbst mit den Themen Flucht, Asyl und Menschenrechten auseinandersetzen kann. An der Vorbereitung und Durchführung der ersten Weihnachtsfeier im Jahr 2015 habe ich gern teilgenommen. Es waren auch viele Geflüchtete, die damals in der Turnhalle in der Geibelstraße untergebracht waren, mit dabei.

Was verbinden Sie mit dem Monat November?

Mit dem Gedenkmonat November verbinden mich zuerst natürlich der Fall der Berliner Mauer, aber auch die Novemberpogrome. Ich finde es immer wieder bedrückend, dass die Ereignisse damals für so viele Menschen nicht nur gleichgültig waren, sondern auch so viel Zustimmung fanden.

Ich frage mich, wie das für meinen Großvater Martin Hübener, damals Pastor im heutigen Mecklenburg-Vorpommern und Mitglied der Bekennenden Kirche, gewesen sein muss. In der Gemeinde Eldena hat er auch unter großen Anfeindungen immer wieder über das Unrecht, das den Juden widerfuhr, gepredigt. Als er am Israelsonntag, dem 10. Sonntag nach Trinitatis, der das Verhältnis von Christen und Juden zum Thema hat, 1935 eine als „freiwillige Spende“ deklarierte Sammlung für christlich-jüdische Projekte durchführte, wurde er von SA-Leuten und örtlichen Deutschen Christen misshandelt und niedergeschlagen und zum ersten Mal verhaftet. Nach einer weiteren Festnahme, unter anderem ebenfalls für „Unerlaubtes Kollektieren“ am Israelsonntag 1937, wurde er erst nach fünf Monaten Haft wieder entlassen.

Meine Großeltern lebten später in Sanitz bei Rostock und durften uns im Ruhestand regelmäßig einmal im Jahr in Bielefeld, wo ich aufgewachsen bin, für vier Wochen besuchen. Mein Großvater ist mir auch deswegen in besonderer Erinnerung, da er mir oft von Dietrich Bonhoeffer erzählt hat. Er hat ihn als einen sehr mutigen Pfarrer gewürdigt, der für seine aufrechte Haltung sein Leben verloren hat.

Die Gedenkveranstaltungen finde ich sehr wichtig, auch im Hinblick auf die Fremdenfeindlichkeit und den Antisemitismus, der insbesondere auch wieder mit dem rechtsextremen Terror der Zwickauer Zelle deutlich wird.

Seit einiger Zeit kümmern Sie sich um den St. Jacobi-Garten. Was bedeutet Ihnen Gartenarbeit?

Gartenarbeit bedeutet für mich, etwas unter freiem Himmel im Einklang mit der Natur zu tun. Ich bin dankbar, dass ich hierzu in St. Jacobi die Möglichkeit habe. Einen Garten kann man verwildern lassen, was für die Natur auch gut ist. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, zum Beispiel eine Blumenwiese anzulegen, in der sich die Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Igel wohlfühlen. Man kann aber auch versuchen, die vorhandenen Beete so zu pflegen und zu gestalten, dass viele verschiedene Blumen das ganze Jahr zur Freude Aller blühen.

Dazu ist es mitunter erforderlich, Unkraut zu entfernen, wenn es überhandnimmt, und dann an dieser Stelle etwas Neues zu pflanzen, damit wieder etwas Schönes entsteht, das blühen und sich ausbreiten kann. Das verbinde ich mit Gartenarbeit, wobei mir hier eher der Begriff Inspiration in den Sinn kommt. Auch das Rauschen der Bäume im Kirchgarten hat diese Wirkung auf mich.

Mir bedeutet es auch sehr viel, den Verlauf der Jahreszeiten in der Natur mitzuerleben und dass hierzu für mich die Gelegenheit mitten in Berlin besteht, finde ich hervorragend. Zurzeit erlebe ich dieses alles überwiegend allein, wobei ich aber auch nicht ganz allein bin: die Eichhörnchen verfolgen oft sehr genau, was sich dort tut.

Da ich in der Regel auch nicht mehr als zweimal im Monat samstagvormittags kommen kann und die Zeit immer sehr schnell vergeht, würde ich mich sehr freuen, wenn sich die eine oder der andere angesprochen fühlt, vielleicht einmal dazuzukommen und sich auch inspirieren zu lassen.

Letzte Woche haben wir schon gemeinsam zu dritt in einem Baumarkt nach einer sehr freundlichen und fachkundigen Beratung ein paar Bodendecker und eine Christrose für den Garten im Kolonadenhof gekauft und anschließend einen kleinen Abstecher zum Schloss Britz und zu der dortigen kleinen Kirche gemacht. Das Einpflanzen ging dann nach der Rückkehr mit Freude und flott von der Hand. Hier bin ich gespannt, wie sich die Blumenzwiebeln für den Hyazinthen-Mix und die Schneeglöckchen entwickeln, und was im Frühjahr daraus wird.

Als nächstes steht die Planung und Gestaltung im Kirchgarten an, wo im kommenden Sommer ein schönes Staudenbeet blühen soll.

Liebe Frau Hübener, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Pfarrer Christoph Heil

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