Im Porträt

Jutta Voelker

Liebe Frau Voelker, Sie leben zwar seit Jahrzehnten in der Hasenheide, aber als Kind lebten Sie zwei Jahre lang in der Türkei. Wann war das und wie kam es dazu?
Die Türkei suchte Anfang 1920 deutsche Arbeitskräfte für bestimmte Berufe. Da mein Vater und seine zwei Brüder hier in Berlin keine Arbeit fanden, bewarben sie sich - in ihrem erlernten Beruf - in Istanbul um Arbeit. Es dauerte nicht lange und sie bekamen die Einreiseerlaubnis. Mein Vater war gelernter Drucker und bekam auch sofort Arbeit in einem kleinen Verlag. Er erlernte auch sehr schnell die türkische Sprache und sein Chef hätte ihn auch gern als Schwiegersohn gehabt. Mein Vater hatte aber bei einem Besuch seiner Eltern in Berlin meine Mutter kennen und wohl auch lieben gelernt, und so holte er sie und ihre Mutter sehr schnell nach Istanbul. 1934 heirateten sie im Deutschen Konsulat, und 1937 wurde ich in Istanbul geboren. Im Jahr 1939 mussten wir uns entscheiden, wo wir künftig leben möchten, denn nur wer nach Deutschland zurückkehrte, behielt seine deutsche Staatsangehörigkeit. So kam es dann, dass meine Eltern und Großmutter im Sommer 1939 nach Berlin zurückkehrten. Mein Vater wurde dann leider schon im September als Soldat einberufen. Er kam im Mai 1945 aus russischer Gefangenschaft - aber gesund - nach Hause.

Ihre Tochter lebt heute in Griechenland. Wie überbrücken Sie die große Entfernung?
Meine Tochter Katrin lernte bei der Abiturfahrt nach Athen eine gleichaltrige griechische Schülerin kennen, die sie öfter besuchte. Bei einer ihrer Reisen nach Kyparissia lernte sie ihren jetzigen Mann kennen. Die beiden haben vier Kinder. Bei ihrer Hochzeit und bei den drei Taufen waren mein Sohn und ich dabei. Seit 2010 kommt sie mich regelmäßig drei Mal im Jahr - ohne Kinder - besuchen. In den Jahren davor jedes Mal mit einem meiner Enkel. Wir haben trotz der Entfernung ein sehr gutes Verhältnis zu einander.

Konnten Sie sich auch beruflich verwirklichen?
Ich habe eine Ausbildung als Bürokauffrau und als Versicherungs-Kauffrau und arbeitete in beiden Berufen seit 1954 – mit kleineren Unterbrechungen – bis zum Beginn meiner Rente im Jahr 2005. Ich hatte meinen Mann 1960 geheiratet. Die Vereinbarung von Beruf und Familie war damals nicht einfach. Zum ersten Mal pausierte ich nach der Geburt unserer ersten Tochter. Sie verstarb leider 1976. Das war für uns alle ein schwerer Rückschlag. Nach der Geburt unserer zweiten Tochter Katrin und unseres Sohnes Nils arbeitete ich teilweise von zu Hause aus. Am Ende übernahm ich die Abteilung Privatkunden. Das war ein schöner Abschluss meiner Berufstätigkeit. Mit dem Eintritt in den Ruhestand fand ich danach Anschluss in der Kirchengemeinde und engagierte mich in der Melanchthon-Kirche. Das hält fit und macht gute Laune!

Sie leiten seit vielen Jahren das Melanchthon-Café am Donnerstagnachmittag. Was kann man dort erleben?
Unser Kirchen-Café in der Melanchthon-Kirche am Planufer wurde 2002 gegründet, mit damals acht Helferinnen. Diese wurden in den folgenden Jahren weniger, und im Jahr 2013 übernahm ich mit Frau Hünerbein, Frau Horn und Frau Gerlach das Ki-Ca. Im Jahr 2018 zog Frau Horn nach Mariendorf, und seit dieser Zeit sind wir nur noch zu Dritt! Zu uns kommen leider selten fremde Besucher, aber immer sechs bis neun Personen regelmäßig aus dem Senioren-Wohnhaus der Gemeinde in der Graefestraße 35. Sie freuen sich auf ein nettes Gespräch miteinander, und ab und zu erscheinen auch Detlef Zander und Cornelius Lingner aus der St. Jacobi-Kirche. Ab 18 Uhr haben wir anschließend die wöchentliche Abendandacht mit Pfarrer Holger Schmidt. Zur Kaffeezeit bieten wir selbstgebackenen Kuchen, belegte Brötchen und immer frisch gekochten Kaffee an. Im Sommer auch Selters und verschiedene Säfte, alles zu sehr kleinen Preisen. Diese Spenden bekommt unsere Gemeindepädagogin Lea Garbers für die Jugendarbeit. Das sind meistens Zuschüsse für unsere Jugendlichen - für kleine Ostergeschenke, Reisen in den Ferien und zu Weihnachten. Selten kommen auch mal Kranke - auf dem Weg der Besserung - vom nahe liegenden Urban-Krankenhaus. Es macht uns immer wieder sehr viel Freude, wenn fremde Besucher sich bei uns wohlfühlen!

Einmal erzählten Sie, dass Sie gerne lesen. Welche Bücher fesseln Sie am meisten?
Ich konnte schon sehr früh - mit viel Freude - lesen und das ist bis heute so geblieben. Am liebsten lese ich historische Kriminal -Romane, in denen der geschichtliche Hintergrund und auch andere Geschehen der Wirklichkeit entsprechen müssen. Auch Bücher - mehrere Folgen von wahrem, geschichtlichen Geschehen - bevorzuge ich und lassen mich durch die vergangene Zeit reisen.

Gibt es eine Lieblingsgeschichte in der Bibel oder einen Vers, der Sie besonders begleitet?
Mein Konfirmations-Spruch auf meinem Einsegnungsschein vom 1. April 1951 ist ein Gedenkspruch aus dem Römerbrief Kapitel 12, Vers 12: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.“ In meinem Leben begleitet mich aber ganz besonders der 23. Psalm: „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.“ Der hat klare Worte. Er tröstet und übertreibt nicht mit Worten - ich mag ihn sehr! Ich bin sehr froh, zu unserer Gemeinde dazuzugehören und fühle mich in meinem Leben durch Gottes Nähe sicher und geborgen!

Liebe Frau Voelker, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Pfarrer Christoph Heil

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