Im Porträt

Natalie Harder

Liebe Frau Harder, Ihre Kindheit verbrachten Sie in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem märkischen Pfarrhaus. Woran erinnern Sie sich besonders?
Meine Kindheit verbrachte ich zwischen Gemüsegärtchen, Milchkannen und Pferdefuhrwerken. Ich hatte drei jüngere Brüder und zwei ältere Schwestern. Mein Vater, Günther Harder, war promovierter Jurist und Theologe. Nach seiner Ordination war er 18 Jahre lang Pfarrer in Fehrbellin in der Mark Brandenburg und Mitglied der Bekennenden Kirche. In der Nazizeit trafen sich Widerstandsgruppen in unserem Pfarrhaus. Für mich als Kind war er ein sehr zwiespältiger Vater. Aber politisch war er ein tapferer Mann, der zu seinen Überzeugungen stand. Drei Mal haben ihn die Nationalsozialisten verhaftet, zwei Mal wurde er entlassen. Weil er am 20. Juli 1944 Beihilfe zum Attentat auf Hitler leistete, saß er beim dritten Mal bis 1945 im Gefängnis des Berliner Gestapo-Hauptquartiers, dort wo heute die Gedenkstätte Topographie des Terrors ist. Nach dem Krieg kam er wie durch ein Wunder frei. Aber er wusste nicht, dass der Krieg zu Ende war, und lief zu Fuß nach Hause nach Fehrbellin.

Wie ging es nach Kriegsende weiter?
1948 durften wir aus der sowjetischen Besatzungszone nach Berlin (West) ausreisen. Ein russischer Kommandant ließ uns ziehen, weil mein Vater im Widerstand gegen die Nationalsozialisten war. Außerdem wollte der Kommandant, dass mein Vater alle Nazi-Spitzel anzeigt, die zu seinen Verhaftungen beigetragen hatten, aber er sagte: „Das macht ein Christ nicht.“ Meine Kindheit beschrieb ich 1988 in meinen autobiographischen Büchern „Der verlorene Apfelbaum. Eine Pfarrhauskindheit in der Mark“ und „Der wiedergefundene Apfelbaum. Auf der Reise zu mir selbst“. Später bin ich, wie viele andere Pfarrerkinder, auf die Barrikaden gegangen, bin ganz aus der Religion ausgestiegen. Dann beschäftigte ich mich mit Zen-Buddhismus. Die Meditation habe ich als große Bereicherung erlebt. Mein Hauptlehrer war der Benediktinermönch und Priester Willigis Jäger OSB, der mit christlicher Mystik und gleichzeitig mit japanischer Zen-Meditation sehr vertraut ist. Durch ihn kam ich zum christlichen Glauben zurück. Er hat mir im Grunde zur evangelischen Kirche zurückverholfen.

Nach dem Krieg studierten Sie an der Hochschule für Bildende Künste und waren Meisterschülerin bei Professor Alexander Camaro.  Mit welchen Motiven beschäftigen Sie sich heute?
In meiner Wohnung in der Freiligrathstraße habe ich mein Atelier. Hier kann ich wunderbar arbeiten. Es ist eine ehemalige Zwölfzimmerwohnung preußischer Offiziere. Hier lagere ich über 1.200 Arbeiten, die sich in den Jahrzehnten angesammelt haben. Seit 1969 zeigte ich Einzelausstellungen in Berlin und in Süd- und Westdeutschland. Meine Bilder sind alle im seelischen Bereich angesiedelt. Es gibt meditative Naturbilder. 1994 fertigte ich mein erstes Stoffbild: Frauen unterwegs. Heute beschäftige ich mich mit religiösen Motiven aus der Bibel, zum Beispiel mit der Geschichte des Propheten Elia. Ich habe die Geschichte aus dem 1. Buch der Könige ab Kapitel 17 in einem Bilder-Zyklus aus Stoff dargestellt. Gott sagt zu Elia, der erschöpft ist und sterben will, drei Mal: „Steh auf und iss!“ Das hat mich berührt, dass es drei Aufforderungen durch Gott bedurfte. Beim ersten und zweiten Mal war Elia nicht bereit, er ist wieder eingeschlafen. Erst bei der dritten Aufforderung ging er los. Ein anderes Bild zeigt Elia auf dem Weg zum Berg Horeb, wo er Gott weder im gewaltigen Sturm noch im Feuer noch im Erdbeben, sondern im leisen Säuseln des Windes begegnet.

Was fasziniert Sie an den Geschichten der Bibel?
Die biblischen Geschichten können eine große Wirkung entfalten. Sie werden transparent auf das Leben von Menschen. Ich bin in den Geschichten regelrecht aufgegangen. Den Zugang zur Bibel fand ich durch meine Beschäftigung mit dem Bibliodrama. Das ist eine kreativ-darstellende Zugangsweise zu biblischen Texten und gleichzeitig zur eigenen Persönlichkeit. Besonders viel bedeutet mir die Geschichte von Hiob, der todkrank ist und sich fragt, womit er das verdient hat: Und am Ende ist die Krankheit und die Trauer vorbei. Ich habe selbst sehr wichtige Menschen in meinem Leben verloren, und vor einer Operation wusste ich nicht, ob ich sie überleben würde. In dieser Zeit kamen mir Bibelverse aus der Kindheit wieder in Erinnerung, zum Beispiel das Christus-Wort: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus-Evangelium 28,20) oder: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ (Lukas-Evangelium 24,29). Mein Lieblingspsalm, der mich mein ganzes Leben begleitet hat, ist Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“. Aber viel bedeutet mir auch der Psalm 126 „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden sie sein wie die Träumenden...“. Daraufhin machte ich 1997 ein Stoffbild mit dem Titel „Die Erlösung der Gefangenen“.

Sie haben auch noch Tanz und Pantomime bei Mary Wigman und Til Thiele studiert...
...und aus meinem Tanz- und Pantomime-Studium erwuchs meine Leidenschaft für das Puppenspiel und 1972 ein eigenes Marionettentheater für Jugendliche und Erwachsene. Unsere Truppe von Laienspielern gab über 20 Jahre lang Gastspiele, unter anderem in Süd- und Westdeutschland. Wir hatten eine Wanderbühne. Ich habe die Puppen selbst gebaut. Im Lauf der Zeit haben sich 140 Marionetten angesammelt. Nach der Wende löste sich die Truppe auf, und ich habe bis vor zwei Jahren alleine weitergespielt. Voriges Jahr gewann ich zwei ausgebildete Marionettenspieler von der Schauspielschule Ernst Busch für die Aufführung von Orpheus und Eurydike nach der Oper von Christoph Willibald Gluck. Es hat Freude gemacht, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten. Heute sind 90 Figuren im Berliner Puppentheater-Museum untergebracht. Als der Museumsleiter meine Sammlung sah, sagte er: „Auf Sie habe ich gewartet.“

Was ist Ihr heimliches Hobby?
Ich bin Reiterin! Drei Mal im Jahr reite ich auf einem Hof an der Ostsee. Durch die körperliche Überforderung aus den Jahren als Tänzerin und Pantomimin hatte ich einen schwachen Rücken, und dann drei Hüft-OPs. Ich hatte ja 17 Jahre lang an der Volkshochschule gelehrt. Nach den OPs sagte der Arzt, es sei alles fabelhaft geworden, aber dann war erst Mal alles im Eimer. Beim Behindertenreiten fühle ich mich wieder sicher. Es ist kein Dressurreiten, sondern bei diesem Reiten kommen Mensch und Tier zusammen. Auf dem Rücken der Pferde wurde mein Rücken gesund. Es heißt nicht umsonst: „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.“

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich möchte weiterhin Malen und Stoffbilder machen können. Und schreiben. Ich möchte liegengebliebene Texte schreiben: Kurzgeschichten, neue Gedichte. Und ein Buch über das Reiten in Tagebuch-Form: „Das Pferd und ich. Von einer, die auszog, die Angst zu verlernen.“ Ich möchte mir wünschen, dass meine Augen und Hände und Körper noch ausreichen, kreativ zu sein. Das ist mein Lebenselixier. Das Schaffen erfüllt mich mit Sinn. Auch das Weitergeben. Ich möchte weiterhin Malkurse geben können. Lehren, - das heißt: Erfahrung und Wissen vermitteln, - ist meine Form des Helfens.

Liebe Frau Harder, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Mit Natalie Harder sprach Pfarrer Christoph Heil.

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