Im Porträt

Dieter Henning

Lieber Herr Henning, Sie sind 86 Jahre alt und im Ruhestand, aber Sie gehen noch immer in die Kita und erzählen Kindern Geschichten aus der Bibel. Welche Erfahrungen machen Sie dabei?

Letzte Woche erzählte ich den Kindern die Schöpfungsgeschichte. Ich sagte: Da saßen die Menschen von damals, Hirten, abends am Feuer und schauten in den Himmel. Neben ihnen blökten die Schafe. Und weil sie sich fragten, wie das alles entstanden ist, erzählten sie sich gegenseitig Geschichten. Später wurden diese Geschichten aufgeschrieben: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Gott schuf das Licht, das Meer und das Land, Gras und Bäume, Mond und Sterne, die Tiere und zuletzt den Menschen. Und Gott sah alles an und sah, dass es gut war... Eine Woche später erzählte mir eine Erzieherin in der Kita, sie habe zwei Jungs beobachtet, die im Sandkasten saßen. Sie hatten aus Pappe gebastelte Wikinger-Helme auf dem Kopf und diskutierten lebhaft miteinander. Die Erzieherin fragte die beiden, worüber sie sich unterhalten? „Wir erzählen uns die Schöpfungsgeschichte“, sagten die beiden: „Da waren alte Männer, die saßen am Feuer.“ Darauf fragte die Erzieherin: Und wie hießen die alten Männer? Da antworteten die beiden: „Na, das hat uns der Herr Henning nicht erzählt.“

Was bedeutet Ihnen die Schöpfungsgeschichte?

Die Schöpfungsgeschichte sagt, dass hinter allem eine Kraft steckt, die wir Gott nennen. Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Buch. Sie erzählt etwas von Gott und den Menschen. Daher sind Darwinismus und Schöpfungstheologie keine Gegensätze. Darwinismus ist der Weg Gottes, die Schöpfung umzusetzen.

Sie haben als Lehrer gearbeitet. Wie kam es dazu?

Geboren bin ich östlich der Oder, in einem kleinen Dorf, das heute in Polen liegt. Mein Vater war ein typischer Dorfschulmeister. Auch ich ging bei ihm zur Schule. Ende Januar 1945 flohen wir vor der sowjetischen Armee. Nach drei Tagen kamen wir in Berlin, der Heimat meiner Eltern, an. In Berlin wohnten wir von Anfang an in Kreuzberg, zuerst in der Freiligrathstraße, zwischenzeitlich auch in der Fichtestraße. In Kreuzberg bin ich mit meinem Zwillingsbruder zur Schule gegangen. In der Robert Koch Schule in der Dieffenbachstraße absolvierte ich das Abitur. Aber ich merkte, wie mich die Kindheit auf dem Dorf geprägt hat. Ich bin nun mal auf dem Land groß geworden. Schon seit dem 13. Lebensjahr wollte ich daher unbedingt Gartenbau studieren. Dazu gehörte eine Lehre, die ich im Wirtschaftsbetrieb des Instituts für Obstbau in Dahlem machte. Danach arbeitete ich ein Jahr lang in einer Baumschule in Holstein. Aber schon drei Tage, nachdem ich das Gartenbau-Studium abgeschlossen hatte, schrieb ich mich wieder als Student an der Pädagogischen Hochschule ein. Mein Vater sagte damals: „Junge, das hätte ich dir auch vorher sagen können, dass du einmal Lehrer wirst, wie ich.“ Nach dem Pädagogik-Studium entschied ich mich ganz bewusst für die Grundschule. Aber nicht nur in der Schule, auch in der Gemeinde leitete ich Jahrzehnte lang die Kinder- und Jugendarbeit.

Was hat Sie an der Gemeindearbeit fasziniert?

Die damalige Frau des Pfarrers der Melanchthon-Kirche, Frau Hoehne, hat uns Jugendlichen beigebracht, die Bibel zu lesen und darüber zu diskutieren. Sie war von der Tradition der Herrnhuter Brüdergemeine geprägt. Sie sagte immer, es nützt alles nichts, wenn sich der Glaube nicht auch im ganz praktischen Leben niederschlägt. Das hat mich sehr geprägt. Die kirchliche Jugendarbeit gab mir Orientierung. Damals lasen wir am Anfang oder Ende jeder Jugendstunde die sogenannten „Richtlinien“ vor. Darin hieß es unter anderem: „Mein ganzes Leben steht im Licht der frohen Botschaft von dem Herrn und König Jesus Christus, der auch für mich gekommen und gestorben und auferstanden ist.“ Und weiter, in der Sprache von damals: „Diesem König will ich folgen, sein Reich sei meines Lebens Ziel, sein Geist die Kraft, in der ich wandle. Die Bibel, das Gebet, der Gottesdienst und die Gemeinde soll mir von Jugend auf zur Heimat werden; darin mein Herr mich täglich rüstet, aus Dank und Liebe ihm zu dienen, im Haus und im Beruf, in meinem Volk und meiner Kirche, in allen Nöten die uns treffen. Und tapfer will ich dazu helfen, dass mit uns viele junge Menschen für Christus und sein Reich gewonnen werden.“ Das hat mir damals viel bedeutet.

Heute glauben weniger junge Menschen an Jesus Christus. Wie gehen Sie damit um?

Das Thema beschäftigt mich seit meiner Kindheit. Ich war im sozialistisch geprägten Berliner Bezirk Neukölln Lehrer. Dort fiel mir immer wieder auf, wie wenig die Schüler von der Bibel wussten. So erzählte ich ihnen die Weihnachtsgeschichte. Ich habe es mir nicht nehmen lassen, am Montagvormittag den Kindern zu erzählen, was sonntags im Kindergottesdienst dran war.

Sie sammeln Weihnachts-Krippen. Wie kam es dazu?

Die Beschäftigung mit den Krippen entstand aus dem Religionsunterricht. Ende der 50er Jahre habe ich eine Krippe aus Oberammergau entdeckt. Ich kaufte sie in zwei Abschnitten, erst die Heilige Familie, und später die Heiligen Drei Könige. Das ist die Krippe, die bis heute an Weihnachten bei mir zuhause steht, Jahr für Jahr. Als ich in Alt-Rudow die Krippenmeile des Berlin-Brandenburgischen Krippenvereins sah, dachte ich, das könnte man auch in Kreuzberg machen. So wuchs die Sammlung, und dann kam die erste Krippenausstellung in den Schaufenstern der Körtestraße, eine Tradition, die bis heute anhält. Heute gibt es Geschäfte, die wollen jedes Jahr die gleichen Krippen im Fenster stehen haben. Die prächtigste Krippe hat die Engel-Kosmetik. Es ist eine Weidenholz-Krippe einer englischen Künstlerin, aus Steinguss: Ganz schlicht, aber mit allen Figuren. Die Buchhandlung bekommt immer eine Olivenholz-Krippe. Im Fahrradladen an der Ecke gibt es einen Mitarbeiter, der freut sich jedes Jahr riesig auf die Krippe. Nur er darf sie aufbauen. Der Papierladen bekommt immer eine Porzellankrippe, die habe ich mal von einem Frauenbastelkreis aus Wilmersdorf bekommen. Die Friseurin gegenüber will immer etwas Glänzendes haben. Auch der Spielzeugladen hat eine Krippe. Der Kindergarten in der Körtestraße bekommt immer meine anthroposophische Ostheimer-Krippe. English Broken bekommt natürlich eine englische Krippe. Und die Optikerin bekommt immer die Krippe von Frau Simon, einer Kunstlehrerin aus Dahlem, die hat sie selbst basteln lassen. Bei den Vorgesprächen mit den Geschäftsleuten erfuhr ich anfangs, wie gut sich die Leute auskennen, aber auch wie wenig manche Leute wissen. Ein Verkäufer wollte mich einmal belehren, der Davidstern gehöre nicht in die Weihnachtskrippe zu Maria und Josef, weil der Davidstern jüdisch sei. Daraufhin erklärte ich ihm, dass Josef, der Mann Marias und Vater von Jesus, von König David abstammte, und Jesus Jude war, und dass daher der Davidstern ein ganz wichtiges Merkmal jeder Weihnachtskrippe ist.

Was passiert mit den Krippen, wenn Weihnachten vorbei ist?

Dazu miete ich gemeinsam mit Freunden eine Wohnung im Souterrain unseres Hauses. Ich bestelle auch immer noch neue Krippen im Katalog, zum Beispiel eine neue eindrucksvolle Krippe von der Klosterabtei Münsterschwarzach. Herrn Cante aus unserer Gemeinde lag immer daran, dass Kinder in die Krippenausstellungen einbezogen werden, und dass Kinder Krippen selber bauen. Meine Enkelin zum Beispiel hat in der Schule einmal selbst eine Krippe aus Ton gebaut. Aber nicht nur in Berlin, auch in Bad Wilsnack in der Prignitz stelle ich Krippen aus. Dort stehen in der Wunderblutkirche meine Berliner Krippen denen aus Bad Wilsnack gegenüber. Die gotische Kirche gefällt mir sehr, weil sie unvollendet ist. Ihre historischen Fenster im Chor zeigen übrigens auch eine Krippendarstellung. Aber wer nicht bis in die Prignitz fahren will, kann sich ab 1. Advent die Krippen in der Kreuzberger Körtestraße anschauen.

Lieber Herr Henning, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die Berliner Krippenausstellung von Dieter Henning ist vom 1. Advent bis 6. Januar in den Schaufenstern der Körtestraße zu sehen.
Das Gespräch führte Pfarrer Christoph Heil.

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