Im Porträt

Bine Endruteit

Liebe Bine, du warst zum Reformationsjubiläum 2017 beim Abschluss-Gottesdienst des Kirchentages in Wittenberg und hast dort auf der Elb-Festwiese unter freiem Himmel übernachtet. Was war das für ein Erlebnis?
Für mich war das der erste Kirchentag, den ich je erlebt habe. Ich hatte vorher bereits den Stand unserer Gemeinde auf dem Straßenfest mit betreut und die Messe besucht, aber die besondere Stimmung in Wittenberg hat mich dann nochmal besonders gepackt mit den Taizé-Gesängen am Abend. Die große Masse der Menschen, die sich getroffen hat und ganz selbstverständlich liebevoll miteinander umgegangen ist, das ist etwas besonderes gewesen. Unter dem Sternenhimmel zu übernachten ist noch einmal ein anderes Gefühl der Gemeinschaft. Wenn man morgens in der Morgendämmerung durch schöne ruhige Klänge geweckt wird, dann ist das ein besonderes Erlebnis, da entsteht ein Gruppengefühl, das nicht mit Worten zu beschreiben ist.

Seit 2016 bist Du Mitglied im Gemeindekirchenrat. Wie gefällt dir die Arbeit in der Gemeindeleitung?
Es war ganz neu für mich, in einer Gemeinde einen so wichtigen Verantwortungsposten mit zu übernehmen. Um so dankbarer war ich dafür, so freundlich und hilfsbereit von allen aufgenommen zu werde. Wenn es in der Anfangszeit viele Unklarheiten bei mir gab, lautete die Devise immer: Blöde Fragen gibt es nicht. Wir sind eine sehr vielseitige Gruppe, in der sich alle Facetten der Gemeinde wiederfinden.

Was machst du beruflich?
Ich bin Kunsthandwerkerin und arbeite selbstständig bei mir zuhause. Mehrmals im Jahr verkaufe ich die hergestellte Ware auf verschiedenen Märkten und Conventions. Ich stelle Schmuck her, habe neuerdings das Gießen von Seife für mich entdeckt und was natürlich immer besonders gut ankommt, ist meine Zauberstab-Fabrik.

Was sind das für Zauberstäbe?
Ich habe eine große Leidenschaft für Fantasy und Science-Fiction. Dazu gehören Filme, Comics, Romane und Kunst. Es gibt jedes Jahr ein großes Harry-Potter-Event in Berlin, inklusive einer Winkelgasse, das ist die große Ladenzeile in der Potter-Welt. Dort habe ich einen Stand, bei dem ich selbst hergestellte und designte Zauberstäbe für kleine und große „Zauberer und Hexen“ anbiete. Jeder Stab ist einzigartig und wird aus Holz, einer handgefertigten Modelliermasse, Acrylfarbe und viel Liebe hergestellt.

Wie bist du zum Glauben an Gott gekommen?
Mit Kirche und Gemeindeleben habe ich schon sehr früh Kontakt gehabt. Meine erste Verbindung zu Gott habe ich meiner Mutter zu verdanken. Ich hatte als Kind eine Stoffpuppe, die zwei Gesichter hatte, ein schlafendes und ein waches. Aber als Kind habe ich das so nicht gesehen, weil das meine Bete-Puppe war. Das schlafende Gesicht war für mich das betende Gesicht. Vorm Schlafengehen hat sich meine Mutter mit mir zusammengesetzt, ich hielt mit meinen Händen die Hände der Puppe zusammen und dann wurde ein Abendgebet gesprochen. Viele Jahre später habe ich meine Bete-Puppe mit all meinen Stofftieren weiter verschenkt, aber immer wieder an sie gedacht. Die emotionale Bindung was sehr intensiv, was mir erst klar wurde, als es die Puppe nicht mehr in meinem Leben gab. Aber eines Tages war ich in einem Second-Hand-Laden und konnte kaum glauben, wer mir da aus dem Regal entgegen schaute: meine Bete-Puppe! Unter Tränen habe ich sie gekauft, und jetzt ist sie wieder bei mir.

Wie hat sich dein Interesse für Spiritualität weiter entwickelt?
Das ging ganz klassisch mit der Konfirmation los. Danach habe ich in meiner Heimatgemeinde in Duisburg-Walsum einige Jahre Jugendarbeit gemacht und Freizeiten betreut und bin schließlich nach Berlin gezogen. Hier hat es lange gedauert, bis ich mich wieder in einer Gemeinde zuhause gefühlt habe. Unsere evangelische Gemeinde in Kreuzberg-Mitte habe ich mir ganz bewusst ausgesucht. Ich mag die Offenheit und Vielfältigkeit, die wir hier leben. Außerdem habe ich viel Freude am Lesen von Literatur zu theologischen Fragen entwickelt, also Bücher die mit dem (christlichen) Glauben zu tun haben. Zum Beispiel hatte mich Dietrich Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ (1992) interessiert, nachdem in der Predigt aus seinen Werken zitiert wurde. Ich habe einige Publikationen, die zum Reformationstag erschienen sind, gelesen, auch eine Biografie zu Luther. „Aus, Amen, Ende?“ (2017) des katholischen Pfarrers Thomas Frings, der, salopp gesagt, gerade von der Anspruchshaltung gegenüber Gemeinden und der Kirche die Schnauze voll hat, ist ein Buch, dass mich ebenso neugierig machte wie Manfrad Lütz' „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ (2007). Ich erarbeite mir viel Verständnis durch das Bibellesen und Nachschlagen in theologischen Wissensbüchern. Zum Beispiel habe ich die eigentliche Bedeutung von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ entdeckt: Dabei geht es nicht um Vergeltung, sondern gerade um ein Ende des Teufelskreises zwischen verfeindeten Familien.
Und ich kann nur jedem empfehlen Gemäldegalerien zu besuchen. Die vielen christlichen Motive können die Menschen anrühren und erzählen auf ihre ganz eigene Art religiöse Geschichten.

Was ist deine Lieblingsfarbe? Lass mich raten: Pink!
Nein, das ist Lila!

Aber du trägst doch Pink! Und Lila. Und Schwarz.
Außerdem hält pinke Haarfarbe viel länger als lilane! *lacht*

Dann bist du ja mit Haut und Haaren evangelisch!? Violett ist schließlich die Erkennungsfarbe der Protestanten...
Ja, ich kann mich ganz wunderbar mit dem Corporate Design identifizieren. Offen evangelisch geoutet. Und das ist gut so!

Das Gespräch führte Pfarrer Christoph Heil

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