Im Porträt

Ebrahim Rajabi

Lieber Ebrahim, seit wann lebst du in Berlin?
Ich bin im Oktober 2015 nach Berlin geflohen. Ich kam zu Fuß aus Teheran nach Deutschland. Ich war einen Monat lang unterwegs. Zwischendurch war ich zwei Wochen lang in der Türkei. Von dort gelang mir die Weiterreise über Athen, Griechenland, nach Deutschland. Ich wollte nach Deutschland, weil ich in einem freien Land leben wollte, wo ich als Christ meine Religion frei ausüben kann.

Wie war das für dich im Iran?
Im Iran gab es viele Kontrollen. Als Christ konnte ich nicht frei leben. Über Freunde hatte ich Kontakt zu einer christlichen Gemeinde gefunden. Sie feierten Gottesdienste in privaten Wohnungen. So habe ich das Christentum als eine gute Religion kennengelernt. Wir haben auch in meiner Wohnung Gottesdienst gefeiert, bis meine Nachbarn mich verrieten und die Polizei gerufen haben. Mein Vater bat mich, aus Sicherheitsgründen nicht in Iran zu bleiben. Er sagte: Geh in ein anderes Land. Mein Vater ist Zoroastrier, und gehört damit selbst zu einer religiösen Minderheit im Iran, die unterdrückt wird. Auch sie müssen ihre Religion im Verborgenen ausüben, aber sie feiern nicht jede Woche Gottesdienst wie die christliche Gemeinde. Die Mehrheit in der Islamischen Republik Iran sind schiitische Muslime.

Wie ging es in Berlin weiter?
In Berlin habe ich wieder Kontakt zu einer christlichen Gemeinde gefunden, und zwar in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Steglitz. Dort haben viele afghanische, iranische und kurdische Christen eine neue geistliche Heimat gefunden. Dort habe ich drei Monate lang einen Taufunterricht besucht und habe mich 2016 taufen lassen. Nach meinem Umzug nach Kreuzberg habe ich in der Flüchtlingskirche und in der Kirchengemeinde in Kreuzberg-Mitte neuen Anschluss gefunden. Von Pfarrerin Dorothea Schulz-Ngomane habe ich viel Unterstützung erfahren.

Wie alt bist du heute?
Ich bin 30 Jahre alt. Ich habe noch zwei Schwestern, eine wohnt in Dänemark. Ich habe auch einen Sohn. Er ist acht Jahre alt. Vor sechs Jahren wurde die Ehe mit meiner Frau geschieden. Mein Sohn lebt noch bei seinem Großvater, meinem Vater, in Teheran. Mit ihm stehe ich über Whatsapp-Video in Kontakt.

Wie war die Ankunft in Deutschland für dich?
Als ich in Deutschland angekommen bin, wurde ich zuerst bei der Ausländerbehörde und beim Sozialamt registriert. Es gab damals sehr lange Schlangen, und es dauerte Tage, bis man drankam. Dann lebte ich anderthalb Jahre in einer Notunterkunft für Flüchtlinge auf dem Messegelände/ICC. Die Bedingungen dort waren schwer. Es gab Ratten und Bettwanzen. 16 Monate lang habe ich eine eigene Wohnung gesucht. Als Ausländer ist es nicht einfach, einen Mietvertrag zu bekommen. Am Ende habe ich mit Hilfe meiner Deutsch-Lehrerin eine Wohnung in Kreuzberg zur Untermiete gefunden. Heute habe ich einen Ausländerausweis. Er wird von Jahr zu Jahr verlängert. Damit kann ich erst einmal in Deutschland bleiben.

Welchen Beruf hast du gelernt?
Im Iran habe ich zehn Jahre als gelernter Goldschmied in einer Fabrik gearbeitet. Ich habe Ringe, Ohrringe, Ketten und Armbänder hergestellt. In Deutschland gibt es wenige Arbeitsstellen in diesem Bereich. Es gibt so gut wie keine Chance, dass sich wieder in meinem Beruf arbeiten kann. 

Was verbindet dich mit unserer Kirchengemeinde?
Ich komme jeden Sonntag zum Gottesdienst. Der Gottesdienst tut mir gut, weil ich da zur Ruhe komme. Ich bin auch im liturgischen Team, feiere samstags die Evangelische Messe mit und trage den Leuchter. Auch die Feste der Gemeinde besuche ich gerne.

Was machst du in deiner Freizeit?
Ich lese Bücher und mache meine Deutsch-Hausaufgaben. Ich koche sehr gerne Reis mit Safran oder Gemüsesauce mit Lammfleisch. Manchmal koche ich dienstagsabends beim „International Dinner“ in der Flüchtlingskirche. Jede Woche helfe ich dort bei der Vorbereitung des gemeinsamen Abendessens.

Wie lautet dein Taufspruch?
Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ (Johannes 6,35)

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich möchte mein Deutsch verbessern und mehr deutsche Freunde kennenlernen. Die Iraner, die in Deutschland leben und Muslime sind, meiden den Kontakt mit mir, weil ich Christ geworden bin. Ich möchte eine deutsche Frau kennenlernen und mit ihr eine Familie gründen. Ich hoffe, dass ich bald meinen Sohn nach Deutschland holen kann. Ich möchte eine Arbeitsstelle finden. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, Safran nach Deutschland zu importieren.

Lieber Ebrahim, ich danke dir für das Gespräch und wünsche dir für deine Zukunft in Deutschland alles Gute und Gottes Segen!

Das Interview führte Pfarrer Christoph Heil

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